Universität Passau
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Schon 1983 beobachtete Günter Gaus die Existenz einer Nischengesellschaft in der DDR, also einen Rückzug der Bevölkerung in vermeintlich private Nischen und Freiräume. Das Narrativ der gänzlich entprivatisierten, quasi stillgelegten (Sigrid Meuschel), sozialistischen Bevölkerung schien zumindest für den Spätsozialismus nicht mehr hinreichend, obschon sich dieses in Form des Totalitarismusparadigmas auch nach 1989 noch in der institutionellen Aufarbeitung der sozialistischen Regime reproduzierte.
Im Seminar sollen das Bild einer privatisierten Nischengesellschaft auf den Prüfstand gestellt und subjektive Manövrierräume sowie ihre politischen Implikationen im Spätsozialismus skizziert werden, um so ein umfassenderes Bild alltagsgeschichtlicher Lebenswirklichkeiten skizzieren zu können, als es Narrative der Entprivatisierung und des Totalitarismus vermögen.
Der Begriff des Privaten wird dazu jenseits seiner liberalen Semantiken als analytische Sonde des „Real Existierenden Sozialismus“ von 1968-1989 dienen und so kontextintern re-codiert werden. Es soll verdeutlicht werden, dass das Private im Rahmen der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ (Erich Honecker) in der DDR und der Normalisierungsstrategien in der ČSSR einerseits zur politischen Strategie des ruhigen Lebens gehörte. Andererseits erweiterte es jedoch auch Reichweiten privater Agency „im Schnittbereich von Konstruktion und Autonomie“ (Ralph Jessen). Im Sinne einer „Macht der Ohnmächtigen“ (Václav Havel) als soziale Praxis einer dissidentischen Selbstinszenierung markiert das Private unter Umständen eigen-sinnige oder sogar widerständische Handlungsspielräume.
Dazu sollen relevante Sekundärliteratur und ausgewählte Quellen gemeinsam erarbeitet werden, um zu erschließen, was Privatheit in spätsozialistischen Gesellschaften bedeutet haben mag und was sie zur relativen Stabilität des Staatsozialismus einerseits sowie zu seiner schleichenden Erosion andererseits beitrug. Schwerpunktmäßig sollen Phänomene in der ČSSR und DDR beleuchtet werden.
Als Prüfungsleistungen gelten die gewissenhafte Lektüre der angegebenen Literatur und Quellen, ein Impulsreferat sowie eine Hausarbeit.